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Home : Topics : Die Mitte
Sonntag, 29. Februar 2004, 23:32
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lea über Die Mitte
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Tränen, die nicht gezeigt werden
Über Stanislaw Muchas "Die Mitte" (54. Berlinale, Panorama Dokumente)
Die Idee von Regisseur Stanislaw Mucha ist lustig: Er und sein Team haben alle Orte aufgesucht, die von sich behaupten, die Mitte Europas zu sein – und derer gibt es viele, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen, der Ukraine, der Slowakei und in Litauen. Auf den ersten Blick mag es so scheinen, dass er jeweils nur so lange ausgeharrt hat, bis der Witz im Kasten war, aber es gibt auch Momente, deren Bedeutung in der Schwebe bleibt.
Im ukrainischen Rachiv betritt die Kamerafrau Susanne Schüle die winzige Küche einer älteren Frau. Der Raum ist so beengt, dass man sich zwangsläufig fragt, wie die Filmende und der Regisseur noch hineingepasst haben. Die Dame des Hauses steht an einem Camping-Kocher und rührt in einem Topf. Muchas Stimme hinter der Kamera: „Das riecht aber gut.“ Selbstbewusst schlägt ihm ihre Antwort entgegen : „Wie sollte es auch anders?“ Schüle geht rückwärts, schlägt dabei eine Falte in den Flickenteppich, wir sehen unten ihren Fuß, der den Teppich zurecht schiebt und hören Muchas Entschuldigung für die Störung. Wieder herzlich ihre Antwort: „Das macht gar nichts. Danke, dass sie unsere Küche aufgenommen haben“. Ich erröte förmlich an Schüles und Muchas Stelle. Den Eingriff ins Private, den ein Dokumentarfilm darstellt, ist hier peinlich deutlich spürbar. Der Grund dafür ist wahrscheinlich die Enge des Raums und mein (erster) Eindruck, dass Mucha sich für die einzelnen Stationen nicht viel Zeit genommen hat. Im Kunstwerk-Aufsatz stellt Benjamin fest „Der Chirurg stellt den einen Pol der Ordnung dar, an deren anderem der Magier steht. Die Haltung des Magiers, der einem Kranken durch Auflegen der Hand heilt, ist verschieden von der des Chirurgen, der einen Eingriff in den Kranken vornimmt. Der Magier erhält die natürliche Distanz zwischen sich und dem Behandelten aufrecht; (...) Mit einem Wort: zum Unterschied vom Magier (...) verzichtet der Chirurg im entscheidenden Augenblick darauf, seinem Kranken von Mensch zu Mensch sich gegenüber zu stellen; er dringt vielmehr operativ in ihn ein. – Magier und Chirurg verhalten sich wie Maler und Kameramann. Der Maler beobachtet in seiner Arbeit eine natürliche Distanz zum Gegebenen, der Kameramann dagegen dringt tief ins Gewebe der Gegebenheiten ein.“
Gegen meine Erwartung wird an dieser Stelle weitergefilmt. Die Kamera schwenkt nach rechts, in den Nebenraum. Dort sitzt weit hinten ein Mann in einem Sessel und guckt uns durch eine altmodische riesig-quadratische Brille mit dickem Rand an, wie eine Eule. Plötzlich fängt er an zu singen, ein unheimlicher Moment: „Susanna, Susanna, das Leben ist schön“ – und fügt dann hinzu „... nur nicht bei uns“. Und berichtet von der Armut, dem Völkergemisch, er ist Jude, seine Frau Katholiken. Dann beginnt er wieder zu singen: „Eine jiddische Mamme, wie bitter, wenn sie weint – eine jiddische Mamme, wie bitter, wenn die weint.“ Harter Schnitt: Sturzregen.
Das ist feinsinnig - die Tränen, die der Mann vielleicht tatsächlich über seine traurige Situation vergießt, werden uns nicht gezeigt. Wirkungsvoll entsteht das Signifikat „Trauer“ ohne die Signifikanten „echte Tränen“ – allein durch die Schnittfolge und einen verschobenen Signifikanten, Regen.
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