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von miro: 5. Mai, 23:53
Ungeheure Lügen
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von claasclever: 26. April, 21:33
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sehr gut, DANKE!!!
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Diese Kritik hat interessant vorgelegt, ...
von medienkind: 28. Mai, 23:55
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von admin: 12. Mai, 00:40
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lea über Dieses Jahr in Czernowitz

Ein Bild, das die Welt bedeutet

Volker Koepp porträtiert den Schriftsteller Norman Manea, der Auschwitz überlebt hat, nun in den USA lebt und nach eigenen Angaben: „auch das überleben wird“. Er sitzt in seinem kleinen Büro, das eher kärglich eingerichtet ist – bis auf eine quadratische Schwarz-Weiß-Fotografie, die ein schönes Schneckenhaus zeigt, in dessen Öffnung ein Kind schläft. Manea weist auf das Foto hin: „Ich mag es sehr. Es sagt fast alles“.


Das erschüttert mich. Ich kann zwar nicht wirklich verstehen, was dieses Foto sagt, dennoch kann ich intuitiv die Beziehung, die Manea zu diesem Foto hat, nachvollziehen. Ich spüre, dass dieses Foto für Norman Manea die Welt bedeutet. Dieses Verstehen vollzieht sich wie beim Träumen, wo unsinnige Elemente einen Sinn ergeben, weil man sie nicht mit dem wachen Intellekt betastet, sondern auf sich einwirken lässt. Es ist als ob das Bild von dem Schneckenhauskind unbewusst in meinen Kopf eingegangen ist und sich dort mit den Sachinformationen über Maneas Schicksal vermischte und einen neuen Sinn produzierte.


So ein Foto gibt es auch für Amos Vogel. Es hängt an einer riesigen Pinnwand zwischen unzähligen Bildern. Es zeigt eine kurzen Gang, an dessen Ende Licht durch eine halb geöffnete Tür fällt. Gerade noch sichtbar in diesem Türspalt ist eine Hand. Ein Bild breitet vor unseren Augen eine unheimliche Kraft, weil wir um seine Bedeutung für jemanden wissen.



Volker Koepp "Dieses Jahr in Czernowitz"
Paul Cronin "Film as a subversive art: Amos Vogel and Cinema 16"
 

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lea über Dieses Jahr in Czernowitz

"Dieses Jahr in Czernowitz"

von Volker Koepp, Forum 54. Berlinale


Das alte Czernowitz in der ukrainisch-rumänischen Bukowina existiert nicht mehr, seit die Nazis zwei Drittel der 150 000 Einwohner umgebracht haben. Die Überlebenden haben sich in die ganze Welt zerstreut. Und die Kinder der Czernowitzer wachsen mit den Legenden über diesen märchenhaften Ort auf. Die Tochter von Edouard Weissmann erinnert sich, dass Czernowitz in ihrem Kopf schwarz/weiß aussah. Nur über einige Fotos und die vielen Erzählungen existiere Czernowitz als imaginärer Ort und kulturelle Konstante in ihrem Kopf, bevor sie dort gewesen sei.

Als Zuschauer durchleben wir einen analogen Prozess, denn auch der Film lässt uns eine satte Dreiviertelstunde den Zeugnissen der Czernowitzer in der Diaspora lauschen, bevor er sich mit ihnen auf eine Reise in das tatsächliche Czernowitz begibt.


Diese Sehnsucht nach einem endgültig verlorenen Ort – und die bildschaffende Kraft, die mit ihr verbunden sind – erinnern mich an den amerikanischen Computer-Forscher Henry Fuchs, der in einem Dokumentarfilm von Ute Holl auftaucht. Eigentlich befasst er sich mit „Medical Image Display“, sein leidenschaftlichstes Projekt ist jedoch eine täuschend echte Projektion des Marktplatzes der ungarischen Heimat seiner jüdischen Eltern.


Doch zurück zu den Czernowitzern: Heute ist Edouard Weissmann Cellist im Deutschen Symphonie Orchester. Damals konnten sich seine Eltern aus Czernowitz retten. Seine Großmutter nicht. Anlässlich der Reise nach Czernowitz will er vor der Kamera von ihrem Schicksal berichten. Er steht in der verschneiten Straße vor ihrem ehemaligen Haus. Die kleinen Zettel in seiner Hand zittern, als er zu erzählen beginnt. Plötzlich wird er durch das Aufheulen eines Motors unterbrochen. Von links kommt eine Abgaswolke aus einer Toreinfahrt. Irritiert dreht Weissmann sich um, das Auto stößt hinter ihm zurück, um anschließend laut knatternd davon zu fahren. Erst dann kann Weissmann weiterberichten, wie die alte Frau aus dem Ort getrieben und an der Brücke erschossen wurde.


Andere Dokumentarfilmer hätten die Störung durch das Auto bestimmt rausgeschnitten - aus Angst, sie könne die Eindringlichkeit der Erzählung schmälern. Doch Volker Koepp belässt alles wie es ist – und verleiht dem Zeugnis dadurch umso mehr authentische Kraft. Gerade weil uns keine tempelhafte Ruhe zum Eingedenken gegönnt wird, gerade weil die Banalität des Alltags einbricht, wird das Erinnern als besonders schmerzhaft erfahrbar. Unvermittelt spürt man, was es bedeutet, dieser Familiengeschichte in einer Welt zu gedenken, wo Alltag unbekümmert abrollt und Czernowitz wieder malerisch im Schnee daliegt.


Dieser Mut, nicht zu schneiden, scheint ein Koeppsches Prinzip zu sein. Harvey Keitels Handy klingelt, als er eine große Rede über die Bedeutung der jüdischen Kultur in den USA schwingt. Die Kamera weiterfilmen zu lassen, wenn die eigentliche Szene schon im Kasten ist, scheint ein anderes Prinzip zu sein. So fängt er das Lächeln des 80-jährigen Tischlers aus Czernowitz ein. Oder er dokumetiert Keitels verräterische Frage in die Kamera, ob sein Auftritt „Okay?“ gewesen sei.
 

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