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Home : Topics : Sehnsucht
Dienstag, 7. März 2006, 22:32
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wenke über Sehnsucht
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Zaunschau

Im Berliner Museum für Kommunikation gab es im Herbst 2005 eine Ausstellung mit dem schönen Titel „Zaunwelten“. Die Ausstellung zeigte ein Stück DDR-Alltagskultur: Gartenzaunkultur. Die buntlackierten Metallzäune mit bizarren Formen sprechen in Ostdeutschlands Dörfern von einer Kultur des Mangels und der Improvisationskunst. Wenn die Kräne des Kranbau Eberswalde schon längst das Zeitliche gefristet haben, überleben die Abfälle dieses Industriezweigs, Negativformen gezackter Ausstanzteile, als Zaun. Die Bleche, die im Feuerlöschgerätewerk „Minimax“ Neuruppin übrig blieben, markieren noch immer einige Grundstückgrenzen von Eigenheimsiedlungen. Zu diesen Zäunen gehört fast immer eine Geschichte, und diesen Geschichten sind Nicole Andries und Majken Rehder in Interviews mit ihren Erbauern nachgegangen. Wenn in diesen Gesprächen Sätze geäußert werden wie „Mit Holz assoziiere ich Wärme und mit Metall Starkheit.“ zeigt das nur, dass die scheinbare Nebensächlichkeit eines schmiedeeisernen Gartenzauns eine starke sinnliche und identitätsstiftende Kraft besitzen kann.
Mir sind diese Zäune bei Spaziergängen durch Weimars Schrebergartesiedlungen zum ersten Mal aufgefallen, und ich hatte seitdem das Gefühl, man müsse jenseits von ostalgischem Kitsch mal etwas damit machen. Auf der Berlinale habe ich einen Film gesehen, der dafür die für mich denkbar schönste Lösung gefunden hat. In Sehnsucht erzählt Valeska Grisebach die tragische Geschichte eines Schlossers, dessen Leben durch eine unerwartete Liebe aus der Bahn gerät. Sicher ist Sehnsucht nicht an erster Stelle ein Film über Metallverarbeitung (in der schönsten Szene in „Sehnsucht“, die Tanzszene vor dem dunkelblauen Vorhang, die mitten im Film einen Publikumsapplaus bekam, spielt Metall keine Rolle!). Aber es kann trotzdem kein Zufall sein, wie Grisebach in ihren Einstellungen die Ästhetik geschmiedeter Gegenstände zur Geltung bringt und über diese ihre Geschichte erzählt.
Wir sehen Markus bei der Arbeit in seiner Werkstatt: wie er mit großer Sorgfalt ein Metallplättchen zusägt und ausfeilt. Im milchigen Licht seiner Werkstatt wirkt er konzentriert. Wenn er die Stahltür abends verriegelt und in seinem Kleintransporter durch das Dorf nach Hause fährt (vorbei an vielen Metallzauntypen, wenn man den Blick dafür hat, an alten bunten und neuen verzinnten Baumarktvarianten) und von seiner Frau liebevoll in Empfang genommen wird, gönnt man diesem Mann sein anspruchsloses Glück.
Maurer arbeiten mit Maßangaben in Zentimetern, Tischler mit Millimetern, Schlosser mit Zehntelmillimetern. Zumindest wenn sie Schlösser herstellen. Markus baut aber auch Zäune. Heute nicht mehr solche wie die geschichtslastigen in den Vorgärten der unsanierten Häuser, aber auch andere als die, die man in den Baumärkten bekommt. Eine weitere Werkstattszene: Markus zeichnet ornamentale Spiralen mit weißer Kreide auf schwarzem Untergrund, dann sehen wir, wie er nach dieser Vorlage das glühende Metall in Form biegt. Ein Zaun entsteht. Ungefähr drei Sequenzen darauf tanzt er in genau diesen Drehungen mit seiner Frau Ella am Osterfeuer des Dorfes zu „Crying at the discothèque“. Markus ist ein sinnlicher Mann. Auch wenn das an seiner Oberfläche oft schwer zu finden ist. Den provozierend direkten Liebeserklärungen von Ella begegnet er mit einem fast stoischen „Ich liebe Dich so.“
Wenn Ella der Hollywood(!)schaukel, auch ein handgeschmiedetes Relikt aus DDR-Industrie-Resten, einen frischen braunen Anstrich verpasst, manifestiert sich in dieser Handlung ihre Liebe zu Markus: sie pflegt ein Material und wertschätzt die Arbeit, die darin steckt.
Romy Schneiders Sohn kam beim Überklettern eines Zauns zu Tode, er hat sich an den Metallspitzen aufgespießt. Auch die Spitzen des Zauns, der Ella und Markus während einer Unterhaltung trennt, wirken bedrohlich. Sie wiederholen bildlich die Todesahnung, die im Raum steht, seit Ella ihre Liebe zu Markus mit Romeo und Julia verglichen hat.
Rose übt eine solche Anziehung auf Markus aus, dass er sein Leben und seine andere Liebe in Frage stellt. „Morgen mach ich n fünfteiligen Zaun und ein Tor. Immer dasselbe.“ Für seine Arbeit findet er gegenüber Rose plötzlich eine andere Beschreibung als die, die aus den Filmbilder für uns erkenntlich wurde. Markus reflektiert durch die neue Liebe sein Leben. Zäune bekommen an diesem Punkt auch die eigentlich verboten naheliegende Bedeutung von Spießertum und unüberwindlichen Grenzen. Bevor er mit Rose ein zweites mal schläft, taumelt er im Garten ihrer Familie heftig gegen den Pfahl eines Maschendrahtzauns. In diesem Bild gerät er deutlich mit den Begrenzungen seines Lebens in Konflikt.
Das orange-blaue Stück DDR-Zaunkunst, das Grisebachs Kamera immer dann streift, wenn sie zeigt, wie Markus mit seinem Lieferwagen vor seinem Haus hält und von Ella begrüßt wird, erzählt wie alle anderen Zaunmotive dieses Films eine Geschichte. Eine von den vielen, die „Sehnsucht“ in sich bündelt. „Sehnsucht“ ist ein Liebesfilm, ein Film über die Sicherheit und Beengtheit vom Leben in der Provinz, ein Film über ein Dorf in Brandenburg, ein Film über das Verhältnis zur Natur und zum Tod, ein Film über Popmusik. In "Sehnsucht" kreuzen sich Kino- und metallverarbeitende Industrie, Set-Design und Alltagsgeschichte.
Sehnsucht (Longing)
Germany, 2005, 90 min
Regie: Valeska Grisebach
Darsteller: Ilka Welz, Annett Dornbusch, Andreas Müller, u. a.
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